Publikationswesen – alles Lug und Trug? Oder: wohin die Jagd nach „Impact“ führen kann.

Schaut man ab und an in den Blog Retractionwatch wird einem leicht schwindelig. Es gibt da schon sehr kreative Wege, Forschungsergebnisse (so es denn überhaupt welche sind) publikumswirksam zu veröffentlichen.

Peer Review soll ja eigentlich die Qualität der Publikationen sichern. Findige Autoren haben es jedoch gemeistert, die Gutachten über ihre bei Journalen eingereichten Arbeiten selbst zu schreiben. Wie das geht? Relativ einfach: Als Autor reichen sie ihr Manuskript zur Veröffentlichung ein und schlagen freundlich selbst Gutachter vor, zu denen sie auch gleich e-Mail-Adressen als Kontaktmöglichkeit angeben. Allerdings gehört Ihnen der Mailaccount selbst, nur eben unter falschem Namen. So berichtet es jedenfalls Josh Fischman in „The Chronicle of Higher Education“ am 30.09.2012 (Fake Peer Reviews, the Latest Form of Scientific Fraud, Fool Journals).  Retraction Watch berichet aktuell, dass im Oktober das Elsevier Editorial System (EES) von Unbekannten gehackt wurde, woraufhin ebenfalls gefälschte Gutachten erstellt wurden.

Es können aber auch gleich manipulierte Daten eingereicht werden. Da fallen fast jeder und jedem gleich ein paar spektakuläre Fälle ein, hier sei z.B. an den Physiker Jan Hendrik Schön erinnert, dem es gelungen war, u.a. in Science und Nature Artikel zu veröffentlichen, die später zurückgezogen werden mussten. Ausführlich nachzulesen in Wikipedia. Auch hier hatte der Peer Review-Prozess zunächst versagt.

Daneben gibt es die verschiedenen Spielarten des Diebstahls geistigen Eigentums. Sei es, dass Gutachter Ideen aus zu begutachtenden Werken stehlen und sie später als eigene Ergebnisse publizieren, oder das schlicht –  nicht immer in betrügerischer Absicht – falsch bis gar nicht zitiert wird, was man von anderen übernimmt.  Das betrifft manchmal ganze Bücher, so musste der Springer-Verlag 2011 das Buch „Fundamentals of Biochemical Engineering“ von Rajiv Dutta als Plagiat zurückziehen.

„The desire of scientists to be recognized provides many opportunities for dishonest conduct and such trait is likely as old as humanity. Nevertheless, there has been a sharp rise in occurrence of misconduct and the issue is a frequent topic of discussion.“

Dies schreiben Rolf Carlson und Tomas Hudlicky auf S. 2059 ihrer Arbeit „On Hype, Malpractice, and Scientific Misconduct in Organic Synthesis„, erschienen in Helvetica Chimca Acta, Vol. 95, No. 10, 2012.

Einige mögliche Gründe für wissenschaftliches Fehlverhalten benennen Pete Etchells und Suzi Gage in The Guardian (Scientific fraud is rife: it’s time to stand up for good science):

„•Pressure to publish in „high impact“ journals, at all research career levels;
• Universities treat successful grant applications as outputs, upon which continued careers depend;
• Statistical analyses are hard, and sometimes researchers get it wrong;
• Journals favour positive results over null findings, even though null findings from a well conducted study are just as informative;
• The way journal articles are assessed is inconsistent and secretive, and allows statistical errors to creep through.“

Nun kommt der Impact Faktor ins Spiel.

„Diesem wird heute eine Bedeutung beigemessen, die man ruhig als absurd bezeichnen kann.“

schreibt Peter Gölitz in seinem Editorial in der Angewandten Chemie (Bd. 129, Nr. 39, S. 9842 – 9844). Und weiter:

„Vom Impact-Faktor einer Zeitschrift auf die Qualität eines darin veröffentlichten Manuskripts zu schließen, ist Humbug!“

Dennoch geschieht tagtäglich überall in der Welt genau dies. Wissenschaftler/innen entscheiden, ob sie ihre Arbeiten bei einer Zeitschrift einreichen wollen, deren Impact Faktor unter dem des Konkurrenzblattes liegt, Bibliotheken ziehen die Impact Faktoren zur Entscheidung über Bestellung und Abbestllung von Zeitschriftenabonnements heran, Förderinstitutionen bewerten, ob Antragsteller häufig genug in Zeitschriften mit hohem Impact Faktor veröffentlicht haben, um weitere Mittel zu bekommen, Verlage begründen hohe Abonnementspreise mit hohen Impact Faktoren ihrer Zeitschriften…

Das wird jedoch nicht nur auf Zeitschriftenebene sondern auch bei der Beurteilung der Wissenschaftlerinnen und Wissensschaftler selbst versucht.

Aber kann man Qualität wirklich mathematisch berechnen oder gar vorhersagen? – Dazu in einem späteren Beitrag mehr.

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